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Insektengift­allergie: Diagnose, Notfallset und Immun­therapie

Wer nach einem Bienen- oder Wespenstich schon einmal mit Beschwerden am ganzen Körper reagiert hat, stellt sich zu Recht die Frage, wie gefährlich der nächste Stich wird. Die gute Nachricht: Eine Insektengiftallergie lässt sich heute sehr gut diagnostizieren und behandeln.

Sie ist damit sogar eine Besonderheit unter den Allergien. Während viele Allergien in erster Linie durch Vermeidung behandelt werden, steht bei der Insektengiftallergie mit der allergenspezifischen Immuntherapie eine ursächliche und hochwirksame Behandlung zur Verfügung.

Dieser Beitrag erklärt, wie die Abklärung abläuft, was ein Notfallset enthält, ab wann ein Adrenalin-Autoinjektor notwendig ist und wann eine Immuntherapie empfohlen wird.

Wann ist eine allergologische Abklärung notwendig?

Eine Abklärung ist immer dann sinnvoll, wenn nach einem Stich Beschwerden außerhalb der Stichstelle aufgetreten sind – etwa Nesselsucht am ganzen Körper, Atemnot, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kreislaufprobleme oder Bewusstlosigkeit.
Bei einer ausschließlich örtlichen Reaktion, auch bei einer sehr großen Schwellung an der Stichstelle, ist eine routinemäßige Diagnostik dagegen meist nicht erforderlich.

Wie läuft die Diagnostik ab?

Am Anfang steht immer ein ausführliches Gespräch. Wichtig ist, was genau passiert ist, wie schnell die Beschwerden begonnen haben, welche Organe betroffen waren und ob sich das Insekt identifizieren ließ.

Anschließend kommen folgende Untersuchungen in Frage:

Zusätzlich werden Begleiterkrankungen, eingenommene Medikamente und das persönliche Stichrisiko berücksichtigt. Daraus ergibt sich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine schwere Reaktion bei einem künftigen Stich ist.

Ein Punkt ist dabei besonders wichtig: Die Höhe eines Testwerts sagt nicht zuverlässig voraus, wie schwer eine zukünftige Stichreaktion ausfallen wird. Auch Menschen mit nur schwach positiven Testergebnissen können schwer reagieren. Behandelt wird deshalb nicht der Laborwert, sondern das tatsächliche individuelle Risiko.

Anaphylaxie Grad I bis IV: Was bedeuten die Schweregrade?

Zur Beschreibung des Schweregrades einer allergischen Reaktion wird häufig die Einteilung nach Ring und Messmer verwendet. Sie reicht von Grad I bis Grad IV und bezieht sich auf die Beschwerden, die nach dem Stich tatsächlich aufgetreten sind.

GradTypische Beschwerden
Grad IHautsymptome am ganzen Körper wie Juckreiz, Hautrötung, Nesselsucht oder Schwellungen
Grad IIZusätzlich zum Beispiel Übelkeit, Bauchschmerzen, Beschwerden der Atemwege oder Kreislaufveränderungen
Grad IIISchwere Atemwegs- oder Kreislaufprobleme, etwa Bronchospasmus, Kehlkopfschwellung, Schock oder Bewusstlosigkeit
Grad IVAtem- oder Herz-Kreislauf-Stillstand

Eine große Lokalreaktion an der Stichstelle gehört ausdrücklich nicht zu den Anaphylaxiegraden I bis IV.

Die Einteilung ist kein Selbstzweck. Sie beeinflusst unter anderem, ob ein Adrenalin-Autoinjektor verordnet wird, welche Notfallmedikamente mitgeführt werden sollen, wie das Risiko einer erneuten schweren Reaktion eingeschätzt wird und ob eine Immuntherapie empfohlen wird.

Das Notfallset bei Insektengiftallergie

Menschen mit einer bestätigten Insektengiftallergie erhalten ein individuell zusammengestelltes Notfallset. Typischerweise enthält es:

Antihistaminikum und Kortison sind kein Ersatz für Adrenalin. Sie behandeln vor allem Hautsymptome und ergänzen die Notfalltherapie. Adrenalin dagegen wirkt rasch auf Atemwege und Kreislauf und ist bei einer schweren systemischen Reaktion das entscheidende Medikament.

Genauso wichtig wie das Set selbst ist es, seine Anwendung zu kennen. Lassen Sie sich die Handhabung in Ruhe erklären und praktisch zeigen. Auch Angehörige und Begleitpersonen sollten wissen, wo das Set aufbewahrt wird und was im Notfall zu tun ist.

Ab welchem Schweregrad brauche ich einen Adrenalin-Pen?

Nach einer Anaphylaxie Grad II bis IV

Nach der aktuellen S2k-Leitlinie soll bis zum Abschluss der allergologischen Abklärung ein Notfallset inklusive Adrenalin-Autoinjektor verordnet werden.

Nach einer Reaktion Grad I

Bei einer isolierten Hautreaktion am ganzen Körper ohne zusätzliche Risikofaktoren ist ein Adrenalin-Autoinjektor nicht zwingend erforderlich. Sinnvoll sein kann er dennoch, zum Beispiel bei:

Besteht nach einer Grad-I-Reaktion ein hohes Risiko für einen erneuten Stich, soll ebenfalls zunächst ein Notfallset inklusive Adrenalin-Autoinjektor mitgeführt werden. 

Wann muss Adrenalin angewendet werden?

Bei einer bekannten Insektengiftallergie sollte Adrenalin sofort angewendet werden, sobald Zeichen einer schweren systemischen Reaktion auftreten – insbesondere bei Atemnot, Beschwerden im Kehlkopfbereich, ausgeprägten Kreislaufproblemen oder Bewusstseinsstörungen.

Im Zweifel gilt: lieber frühzeitig Adrenalin anwenden als zu spät. Nach der Anwendung muss unverzüglich der Rettungsdienst unter 144 verständigt werden.

Die allergenspezifische Immuntherapie: die Behandlung, die das Risiko deutlich senkt

Die wichtigste langfristige Behandlung einer bestätigten Insektengiftallergie ist die allergenspezifische Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung oder Allergieimpfung genannt.

Dabei erhält der Körper unter kontrollierten medizinischen Bedingungen wiederholt genau das Insektengift, gegen das die Allergie besteht. Das Immunsystem gewöhnt sich schrittweise daran und die überschießende allergische Reaktion nimmt deutlich ab.

Wann ist eine Immuntherapie empfohlen?

Nach den aktuellen Empfehlungen ist eine Insektengift-Immuntherapie insbesondere angezeigt bei Erwachsenen und Kindern mit einer nachgewiesenen Insektengiftallergie und einer früheren systemischen Reaktion Grad II bis IV.
Bei Erwachsenen kann eine Immuntherapie auch nach einer reinen Hautreaktion Grad I sinnvoll sein, vor allem wenn die Angst vor einem weiteren Stich die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Bei Kindern mit einer ausschließlich die Haut betreffenden Grad-I-Reaktion wird die Notwendigkeit dagegen individuell beurteilt.

Wie gut schützt die Immuntherapie?

Die Insektengift-Immuntherapie gilt als sehr wirksam und kann schwere systemische Reaktionen bei künftigen Stichen in den allermeisten Fällen verhindern. Sie ist damit die zentrale langfristige Schutzmaßnahme bei einer relevanten Insektengiftallergie.

Wie lange dauert die Behandlung?

Die Behandlung dauert üblicherweise mehrere Jahre. Bei niedrigem Risiko kann nach etwa drei bis fünf Jahren über eine Beendigung gesprochen werden. Bei hohem Risiko – etwa bei einer Mastzellerkrankung, erhöhter basaler Serumtryptase, einer schweren früheren Anaphylaxie oder bestimmten Reaktionen während der Therapie – kann eine längere oder dauerhafte Behandlung notwendig sein. 

Ihre Abklärung in meiner Ordination

Als Allergologin begleite ich Sie von der ersten Einschätzung bis zur Entscheidung über die passende Behandlung. Der Ablauf sieht in der Regel so aus:

Was Sie zum Termin mitbringen sollten

Der richtige Zeitpunkt für den Test

Direkt nach einem Stich kann ein Allergietest falsch negativ ausfallen. Die Untersuchung sollte deshalb in der Regel frühestens drei bis vier Wochen nach der Reaktion erfolgen. Ein Notfallset kann bei entsprechendem Verdacht aber bereits vorher verordnet werden.

Das Wichtigste auf einen Blick

FAQ (Häufig gestellte Fragen)

In der Regel frühestens drei bis vier Wochen nach der Reaktion, weil Tests unmittelbar danach falsch negativ ausfallen können. Bei Verdacht auf eine schwere Allergie kann ein Notfallset schon vorher verordnet werden.

Das kommt vor. Häufiger ist allerdings eine Kreuzreaktion, bei der beide Tests positiv ausfallen, obwohl nur eine echte Allergie besteht. Mit komponentenbasierter Diagnostik lässt sich das meist unterscheiden – wichtig, weil davon abhängt, gegen welches Gift die Immuntherapie durchgeführt wird.

Nein. Beide wirken zu langsam, um eine schwere Reaktion an Atemwegen und Kreislauf abzufangen. Bei Anzeichen einer schweren Reaktion ist Adrenalin das Mittel der Wahl.

Adrenalin-Pens haben ein begrenztes Haltbarkeitsdatum. Kontrollieren Sie das Datum regelmäßig und ersetzen Sie den Pen rechtzeitig. Auch eine verfärbte oder trübe Lösung im Sichtfenster ist ein Grund für einen Austausch.

Die Immuntherapie senkt das Risiko einer schweren Reaktion sehr deutlich. Ob und wann sie beendet werden kann, hängt vom individuellen Risikoprofil ab und wird gemeinsam besprochen.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen medizinischen Information und ersetzt keine individuelle Untersuchung oder Beratung. Die Auswahl und Dosierung von Notfallmedikamenten sowie die Entscheidung über einen Adrenalin-Autoinjektor oder eine Immuntherapie müssen individuell ärztlich erfolgen. Bei Verdacht auf eine schwere allergische Reaktion ist unverzüglich der Rettungsdienst unter 144 zu verständigen.

  1. Sturm GJ, Varga EM, Roberts G, et al. EAACI guidelines on allergen immunotherapy: Hymenoptera venom allergy. Allergy. 2018;73(4):744–764.
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  5. Deutsche Dermatologische Gesellschaft. Insektengiftallergie durch Bienen- und Wespenstiche: Im Notfall schnell handeln. 2024.
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